Eine Studie zum Rechtspopulismus unter Jugendlichen im Zollernalbkreis

Rechtspopulismus-Studie ZAK 2017
Die „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ hat 2017 die Studie „Rechtspopulismus und Rassismus im Kontext der Fluchtbewegung“ mit dem Untertitel „Politische Orientierungen von Jungen Auszubildenden in Baden-Württemberg“ veröffentlicht. Erstellt wurde die Studie von der „Tübinger Forschungsgruppe“ um Josef Held, Johanna Böse und Rita Hackl.
Auch wenn es nicht in der Studie selbst steht, so wurde diese im Zollernalbkreis durchgeführt Sie sagt also etwas über die spezifischen Verhältnisse in diesem Kreis aus.

Da es sich um eine für Nicht-Akademiker*innen nur schwer verständliche wissenschaftliche Studie handelt, haben wir die Studie für euch gelesen und versucht die wichtigsten Erkenntnisse zusammenzufassen.

Begrifflichkeiten
In der Studie werden Begriffe bzw. Kategorien wie ‚Autoritarismus‘, ‚Konformismus‘, ‚Lokalismus‘, ‚Nationalismus‘, ‚Rassismus‘, und ‚Rechtspopulismus‘ verwendet.
Da Leser*innen sich teilweise nicht oder sehr verschiedene Dinge darunter vorstellen können, ist es wichtig kurz wiederzugeben, was die Autor*innen der Studie darunter verstehen:
* Autoritarismus: Eine Einstellung, die eine starke Autoritätshörigkeit und eine ausgeprägte Neigung zur Unterwerfung Schwächerer beinhaltet. Dadurch wird Unterordnung unter Autoritäten und die Aggression gegen Minderheiten, die scheinbar von der Norm abweichen gefördert (Law&Order-Autoritarismus).
* Konformismus: Angepasstheit und der generelle positive Bezug auf die vorherrschende Ordnung in allen Bereichen des Lebens.
* Lokalismus: Eine Art Lokalpatriotismus, der sich positiv auf die ‚eigene‘ Gegend bezieht.
* Rassismus: Hier wird zwischen biologistischen und kulturellem Rassismus unterschieden. Biologistischer Rassismus ‚argumentiert‘ mit der genetischen Herkunft von Menschen und der kulturelle Rassismus mit der kulturellen Herkunft. In beiden Varianten wird aber die Prägung von Menschen durch ‚Rasse‘ oder Kultur absolut gesetzt und im Grunde als unveränderbar angesehen.
* Rechtspopulismus: „Rechtspopulistische Agitation greift Stimmungen >aus dem Volk< auf, lenkt sie und schmiedet sie zusammen“. Rechtspopulismus ist also ein Stil, der flexibel ist und rechte Inhalte anspricht, verstärkt und verbreitet. Für den Rechtspopulismus benennt das Forschungsteam folgende Elemente: Nationalismus, Rassismus und Autoritarismus.

Ausgangspunkt: Befragung von Azubis und Betriebsrät*innen
Die Studie fragte nach der rassistischen, nationalistischen und autoritaristischen Orientierung bei Azubis und unter Betriebsrät*innen. Dazu wurden 2016 und 2017 176 Azubis an zwei kaufmännischen und zwei gewerblichen Schulen und 67 gewerkschaftlich organisierte Betriebsräte im Zollernalbkreis befragt.
Die befragten Azubis waren im Schnitt 20 Jahre alt, also Jugendliche. Die befragten Betriebsrät*innen waren im Schnitt 44 Jahre alt. Sie gehörten vor allem zur IG Metall.

Das Ergebnis der Studie
* 89% der befragten Jugendlichen stimmten der Aussage „Ich bin stolz auf meine Nation!“ zu.
* 87% der befragten Jugendlichen stimmten folgender Aussage zu: „Kriminalität, sexuelle Unmoral und Störungen der öffentlichen Ordnung zeigen, dass wir härter mit abweichenden Gruppen und Störern umgehen muss.“
* 86% der befragten Jugendlichen forderten „Gehorsam und Achtung gegenüber Autoritäten“.
* 41% der befragten Jugendlichen stimmten der Aussage „Muslime gehören zu Deutschland“ nicht bzw. eher nicht zu. Sie sprachen also Muslimen generell ab, ein Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.
* Wer stark nationalistisch war, die/der war meist auch stark flüchtlingsfeindlich eingestellt.
* Biologistischer Rassismus, der Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe und Ethnie als weniger wert betrachtet, wurde mehrheitlich abgelehnt.
* Kultureller Rassismus, der Menschen auf Grund der ihnen zugeschriebenen Kultur ein bestimmtes Verhalten fest zuschreibt, war dagegen bei den Jugendlichen in der Mehrheit festzustellen. Asylsuchende und die deutsche Kultur wurden dabei als unvereinbar angesehen.
* „Im Allgemeinen lässt sich eine Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts feststellen, der sich auch in der politischen Kultur der Befragten niederschlägt.“ (Seite 57)
* Jugendlichen mit rechten Einstellungen wollten nicht als ‚rechts‘, ‚rassistisch‘ oder gar ‚Nazis‘ gelten. Man könnte hier auch von einem „Ich bin kein Rassist, aber …“-Rassismus sprechen.
Die Befragten nahmen ihre Einstellung als ‚normal‘, unpolitisch oder politisch in der Mitte angesiedelt wahr. Die Studie bezeichnet diese Selbsteinschätzung als „Mitte-Performance“.
* Es gab einen starken Normalisierungs- und Konformitätsdruck (Anpassungsdruck) sich in der scheinbar unpolitischen, aber in Wahrheit rechten Mitte einzureihen. Ausreißer*innen nach links – und nach ganz rechts – wurden dabei unter Druck gesetzt, sich wieder in die Mehrheitsmeinung zu integrieren.
* Für das rechte Meinungsklima unter Jugendlichen waren offenbar keine explizit rechten Gruppen verantwortlich. Selbst die AfD wurde von Jugendlichen mit rechter Einstellung allgemein (noch) abgelehnt. Trotz der teilweise inhaltlichen Übereinstimmung war die AfD-Wahlneigung gering.
* Viele Jugendliche wiesen im Gespräch darauf hin, dass sie nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hätten. Es wurde direkt oder indirekt die Forderung nach einem „Schlussstrich“ gefordert, was die Aufarbeitung und Beschäftigung mit NS-Verbrechen angeht. Damit verbunden wurde die Forderung nach einer Normalisierung von Nationalismus („gesunder Patriotismus“).
* Es gab bei vielen befragten Jugendlichen ein Eliten-Bashing bzw. -Distanz („die da oben“), allerdings ohne dabei die Strukturen der Macht grundsätzlich in Frage zu stellen.
* Bei den Befragten wurde scharf zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden. In der Theorie war die große Mehrheit für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen, aber auch an diese wurden viele Anforderungen gestellt. So dass in der Konsequenz dieser Forderungen auch nur wenige Kriegsflüchtlinge wirklich aufgenommen werden würden.
* Viele Vorurteile stützten sich auf Gerüchte („ich hab gehört das“) mit hohem emotionalen Wert. Diese Gerüchte wurden vor allem über soziale Netzwerke transportiert.
* Flüchtlingsfeindlichkeit speiste sich oft aus Leistungsethik und kapitalistischer Verwertungslogik. Daraus resultierten Neid und pauschale Verdächtigungen („Die haben alle nagelneue Handys.“).
* Jugendliche, die konkrete Begegnungen mit Flüchtlingen hatten, waren weniger flüchtlingsfeindlich eingestellt.
* Jugendliche, die Flüchtlinge ehrenamtlich unterstützten, waren vor allem christliche motiviert.
* Es gab unter den befragten Jugendlichen einen Zusammenhang zwischen Zukunftsangst und Flüchtlingsfeindlichkeit, aber nur bei den deutschen Jugendlichen.
* Die Welt wurde als aus den Fugen geratene Welt wahr genommen, was bei vielen Zukunftsängste weckt.
* Die meisten der Befragten schätzten ihre persönliche aktuelle Situation und ihre soziale Lage meist nicht als problematisch ein. Die Zukunftsängste bezogen sich eher auf eine allgemein erwartete Verschlechterung.
* Viele wendeten sich gegen eine als „Globalisierung von unten“ wahrgenommene Einwanderung und forderten als Konsequenz eine Abschottung.
* Im Schnitt wurden von den Jugendlichen die Eltern als linker und Freund*innen, sowie „Leute aus der Gegend“ als rechter als man selbst eingeschätzt.
* Unter den befragten Jugendlichen machte Lokalismus stärker anfällig für Autoritarismus und Flüchtlingsfeindlichkeit: „Die lokale Bindung an die eigene Gegend steht in einem deutlichen Zusammenhang mit rechten Orientierungen und einer negativen Haltung gegenüber Geflüchteten.“ (Seite 60)
Unter den Betriebsrät*innen dagegen traf das nicht zu.
* Im Vergleich mit den Azubis waren die Betriebsrät*innen weitaus weniger flüchtlingsfeindlich und tendierten politisch eher nach links, auch wenn sich die Mehrheit von ihnen in der Mitte verortete. Sie schafften es aber nicht ihre Einstellung in den Betrieben durchzusetzen.
* Es gibt eine verdeckte flüchtlingsfeindliche Stimmung in den Betrieben. Davon berichtete auch ein Azubi in einem Interview, welches in der Studie zitiert wird:

„Das gilt auch für den betrieblichen Bereich. So gab es etwa Widerstand gegen eine Spendensammelaktion für geflüchtete Kinder, die ein IG-Metall-Beauftragter initiiert hatte, es kam deshalb sogar zu Austritten aus der IG Metall. Das Klima im Betrieb wurde von einem
Auszubildenden so beschrieben: M1: Also es gibt ein [paar] so Personen, die mittlerweile in ’ner Gruppe sind, die auch dafür sind, dass man sich ehrenamtlich engagieren will, aber bei uns schaffen knapp 2.000 Leute und ich und geschätzt 1.900 Leute haben was dagegen.
Und man hat’s bei ’ner Betriebsversammlung gesehen, da hat man das Thema Flüchtlinge angesprochen und dann sind bestimmt knapp 30 Prozent direkt aufgestanden und rausgelaufen, weil, äh, auf das Geschwätz hat keiner Bock, und, das ist einfach, jeder sieht da irgendwie keinen Sinn darin, noch mehr zu unterstützen.“

(Seite 50)

ein wenig Kritik an der Studie

Es ist in der Studie zwar die Rede davon, dass „eine Region im Süden Baden-Württembergs“ untersucht wurde, es war aber ganz konkret der Zollernalbkreis. Die Verallgemeinerung der Ergebnisse der Studie mag in Teilen gerechtfertigt sein. Trotzdem zeichnet sich der Zollernalbkreis noch einmal auch durch Besonderheiten aus, die evtl. noch einmal besonders verschärfend wirken:
* Es gibt keine starke linksalternative Gegenkultur, zum Beispiel in Form eines selbstverwalteten „Autonomen Zentrums“
* In den 1990ern bis in die 2000er Jahre gab es in der Region eine starke Neonazi-Subkultur, die in Teilen bis heute existiert, ein besonderer Schwerpunkt war Burladingen
* Der, ab 2016 als offener AfD-Sympathisanten auftretende, Burladinger Bürgermeister stellt sich seit Jahren aktiv gegen Zivilcourage gegen Rechts.
* Der Kreis ist seit Jahrzehnten eine CDU-Hochburg und die Kreis-CDU ist im Vergleich relativ konservativ. Beispielsweise ist der CDU-Bundestagsabgeordnete für den Kreis, Thomas Bareiß aus Albstadt, war 2012 Gründungsmitglied im „Berliner Kreis“, einer Vertretung des rechten Unions-Flügels.
Noch bei der Bundestagswahl 2013 erzielte Bareiß mit 60,7 Prozent das bundesweit zweitbeste CDU-Erststimmenergebnis.
* In einer Studie von von 2016 (Dauth und Südekum) wird der Zollernalbkreis als Verliererregion im globalen Wettbewerb ausgewiesen.

Fazit: erschreckende Ergebnisse
Wir geben es zu, die Ergebnisse der Studie liegen uns schwer im Magen. Denn die Studie stellt im Grunde im Zollernalbkreis eine dominante rechtspopulistische Stimmung unter Jugendlichen fest. In diesem dominanten Umfeld ist im Grunde nur eine „konforme Revolte“ möglich, wie sie etwa in den Stücken der Band „Frei.Wild“ verkörpert wird. Rebellischer Gestus bei Beibehaltung der konservativen Werte der Eltern und Großeltern.

Die Studie gibt selber ein paar Handlungsempfehlungen, die wir gerne noch um eigene Ideen ergänzen möchten:
* Förderung einer demokratischen Streit- und Diskussionskultur.
* Es sollte weniger moralisch argumentiert werden („Du bist ein Rassist!“), sondern konstruktiv („Was Du da sagst, ist rassistisch.“).
* Erweiterte politische Bildungsangebote.
* Es muss gezielt regionalen Gerüchten entgegen gearbeitet werden.