Hindenburg verdient keine Ehre – für einen Namenswechsel!

In Balingen wird derzeit über die Umbenennung des Hindenburgplatzes und der Hindenburgstraße gestritten, die von den „Freien Wählern“ und Bündnis90/Die Grünen gefordert wird.
Die antifaschistische Kampagne „Alboffensive – kein brauner Alb(t)raum“ unterstützt die Forderung nach dem längst überfälligen Namenswechsel des Platzes und der Straße in Balingen.

Zur Erinnerung: Paul von Hindenburg (1847-1934) war ein deutscher Generalfeldmarschall, der im Ersten Weltkrieg mit anderen Befehlshabern hunderttausende junger Männer als Soldaten per Befehl in den Tod schickte. Von 1916 bis 1918 war die Macht der von ihm geführten Oberste Heeresleitung derart angewachsen, dass viele Historiker*innen von einer „Militärdiktatur“ sprechen.
Im Jahr 1925 wurde Hindenburg zum zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt und 1932 wiedergewählt. Ab 1930 schwächte er die parlamentarische Demokratie, indem er mittels Notverordnungen parlamentarisch-demokratisch gewählte Regierungen entmachtete. Unter dem überzeugten Monarchisten entstand ein autoritäres Präsidialregime. Am 30. Januar 1933 ernannte er Adolf Hitler zum Reichskanzler. Zu Recht wird Hindenburg deswegen als Steigbügelhalter Hitlers bezeichnet.
Als angesehener Feldherr stellte er sich bis zu seinem Tod propagandistisch in den Dienst der Nazis und stützte so die NS-Diktatur.

Hitler und Hindenburg

Herre ergreift die Partei Hindenburgs und übt sich in Geschichtsklitterung
Der AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Herre aus Balingen galt bisher immer als Leisetreter in seiner Partei. Seine Parteinahme für Paul von den Hindenburg, den Steigbügelhalter Hitlers, zeigt aber, dass er genau in der richtigen Partei Mitglied ist.
In einer Pressemitteilung vom 28. September 2017 schrieb er: „Wie hätte Hindenburg erkennen können, welche Folgen sein Handeln haben wird? Es ist arrogant und absolut subjektiv, die Vergangenheit aus der Gegenwart heraus zu bewerten. Für die Menschen damals war er das erste Staatsoberhaupt, das direkt gewählt wurde. […] Es hilft sicher nicht, einen Mann wie Hindenburg, der seinerzeit als ‚Hüter der Verfassung‘ galt, nachträglich zu dämonisieren und aus unserer Erinnerung streichen zu wollen. Wichtiger ist es, die historischen und politischen Zusammenhänge zu erklären.“
Hier ignoriert Herre Hindenburgs aktives antidemokratisches Verhalten 1916-18 und ab 1930 und das Hindenburg Hitler an der Macht ein Jahr stützte. Um sein politische Programm machte Hitler nie ein großes Geheimnis, es ist in seinem Buch „Mein Kampf“ niedergelegt. Das heißt Hindenburg wusste durchaus, was Hitler und die NSDAP wollte. Auch haben die Nationalsozialisten bereits nach der Machtübergabe an sie ab Januar 1933 systematisch Verbrechen gegen ihre politischen Gegner*innen, also vor allem Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen, verübt. Bereits vor 1933 waren sie verantwortlich für Straßenterror gegen ihre politischen Gegner*innen, sowie gegen Jüd*innen und Juden. Der terroristische Charakter des Nationalsozialismus entfaltete sich keinesfalls erst nach dem Tod Hindenburgs, sondern war bereits von Beginn an sichtbar und für davon Betroffene auch spürbar. Dieser Terror geschah mit der Übernahme der Staatsgewalt systematisch. Hier in der Region wurde in diesem Zug beispielsweise das KZ Heuberg bei Albstadt eingerichtet.
Die Lektüre des entsprechenden Wikipedia-Eintrags über Hindenburg hätte kritisches Wissen über den Generalfeldmarschall auch Herre zugänglich gemacht.
Doch vielleicht handelt es sich gar nicht um Unwissen und Dummheit? Immerhin dürften sich größere Teile der AfD in der Person Hindenburg durchaus wieder finden:
* in seinem Deutschnationalismus
* in seinem Hass auf alle Linke
* in seinem Lob der deutschen Soldaten; erinnert sei an Gaulands Wehrmachts-Lob
* in seinem Bündnis mit faschistischen Kräften, bei Hindenburg mit der NSDAP, bei der AfD mit dem Höcke-Flügel
* in dem von Hindenburg verkörperten Bedürfnis nach einem starken Mann, welches sich an der AfD-Basis u.a. in Sympathien für Putin oder Orban ausdrückt

Insgesamt plädiert Herre zwar für einen irgendwie kritischen Umgang mit der Person Hindenburgs, verharmlost aber Hindenburgs historische Rolle als de-facto-Militärdiktator und Steigbügelhalter Hitlers. Herre ist gewillt antidemokratische Positionen zu ignorieren oder gar zu tolerieren. Das tut er nicht nur mit Blick auf Hindenburg, sondern offenbar auch in seiner eigenen Partei. Nur so ist zu erklären dass er, im Gegensatz zu anderen, weiterhin in der AfD verbleibt.

Unsere Alternative: Gog statt Hindenburg!
Es bleibt festzustellen: Hindenburg ist kein guter Straßennamens-Patenonkel! Der Platz und die Straße gehören umbenannt. Die Alboffensive schlägt als Namenspate den Anarchisten und Vagabunden-Aktivisten Gregor Gog (1891-1945) vor. Gog lebte eine Zeit lang in Balingen und hat damit anders als Hindenburg auch eine persönliche Verbindung zum Ort. Er gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“ mit, eine politische (Selbst-)Organisation für Obdachlose in der Weimarer Republik. Gog floh 1929 vor einer drohenden Gefängnisstrafe – er wurde wegen Gotteslästerung zu einer Geldstrafe verurteilt, die er nicht zahlte – in die Sowjetunion. Hier wechselte Gog zum Parteikommunismus und trat 1932 der KPD bei. Gogs Gesinnungswechsel verwundert, hatte sich er sich doch anfangs stark gegen parteikommunistische Vereinnahmungsversuche gestellt. Gog und seine Frau Anni Geiger-Gog wurden von der Gestapo verhaftet. Gog wurde in Württemberg ins KZ Heuberg gesperrt und nach siebeneinhalb Monate „zur Heilbehandlung“ entlassen. Er konnte im Juni 1934 über die Schweiz in die Sowjetunion fliehen und starb im Oktober 1945 in Taschkent isoliert und vergessen an einer Krankheit.
Wir als Alboffensive wünschen uns diese Person dem Vergessen zu entreißen. Deswegen lautet unsere Forderung: Statt dem Generalfeldmarschall soll nach dem Obdachlosen-Aktivisten ein Platz oder einen Straße benannt werden!